Meine Bilder, deine Bilder – das Fremde im Kopf

Flucht, Rechtsruck, Fußballfieber – Was haben diese Dinge gemeinsam? Sie erzeugen Bilder in uns. Mit dem syrischen Schauspieler Ramadan Ali blicken wir auf Deutschland und die Welt, wie wir sie gern sehen.

5. Juli 2016  9 Minuten

»Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages in Deutschland lebe? Alles, was ich von den Deutschen kannte, war Fußball und Hitler«, sagt Ramadan Ali hat eine eigene Facebook-Seite, dort nennt er sich kurz »Ramo« Ramadan Ali (31). Wer hätte das gedacht? Ramadan Ali am allerwenigsten. Doch vor 4 Jahren muss er Syrien verlassen – nicht wegen des Krieges, sondern wegen seines politischen Engagements. Ali ist Kurde aus Nordsyrien. Wegen eines Auftritts für eine in seiner Heimat verbotene kurdische Partei kommt er 3 Monate lang in Haft. Kurze Zeit später flieht er nach Deutschland. Das Land, von dem seine Schulbücher ihm nur Großes berichtet hatten: »Wir haben in der Schule gelernt, dass Adolf Hitler eine Art Superman war – ein Volksbeschützer und ein großartiger Mann. So sahen wir auch die Deutschen.«

Bilder im Kopf – jeder hat sie. Sie machen das Leben leichter und die Welt übersichtlich. Sie kommen zu uns, sobald wir in die Ferne blicken. Dann geht alles ganz schnell: Schublade auf – Nationen, Geschlechter und Ethnien zerlaufen zu einem Einheitsbrei – Schublade zu. Bilder in unseren Köpfen oder auch »pictures in our heads« Den Begriff führte der Journalist und Schriftsteller Walter Lippmann in seinem Buch »Die öffentliche Meinung« ein, das 1922 erschien. Darin untersuchte er den Einfluss von Fremdbildern: »Der Mensch lernt mit seinem Geist riesige Teile der Welt zu sehen, die er nie zuvor sehen, berühren, riechen, hören oder im Gedächtnis behalten konnte. Allmählich schafft er sich so für seinen eigenen Geschmack in seinem Kopf ein Bild von der Welt außerhalb seiner Reichweite.«

Mit Illustrationen von Moshtari Hilal für Perspective Daily

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Themen:  Flucht   Gesellschaft  

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