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Kostenloses Wohnen auf Probe: In dieser ostdeutschen Stadt ist das möglich

Mit einem kreativen Projekt will Görlitz Menschen vom Leben in der sächsischen Kleinstadt überzeugen. Und hat Erfolg: Eine Künstlerin kehrt Berlin den Rücken.

14. Januar 2020  3 Minuten

Weiter in den Osten als nach Görlitz kann man in Deutschland nicht fahren. Am äußersten Zipfel von Sachsen, tief in der Lausitz, liegt die Kleinstadt direkt an der polnischen Grenze. Görlitz hat dieselben Probleme wie viele andere kleine Städte in den ostdeutschen Bundesländern: Junge Menschen wandern ab. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Einwohnerzahl Genauere Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung beim Statistischen Landesamt Sachsen von 100.000 auf rund 56.000 fast halbiert.

Aber das soll nicht so bleiben. Ein Imagewandel muss her. Bereits im Jahr 1998 hat sich die Stadt zur Europastadt Europastädte fühlen sich – oft durch ihre Nähe zum Ausland – der europäischen Integration und Zusammenarbeit stark verpflichtet. Den Titel verleihen sich die Städte allerdings selbst. Neben Görlitz gilt zum Beispiel auch Aachen im Dreiländereck Niederlande-Belgien-Deutschland als Europastadt. erklärt: Denn das ist Görlitz auch – eine Stadt, die Europa näher ist, als viele denken. Von seiner Lies hier mehr zur Europastadt polnischen Schwesterstadt Zgorzelec trennen es nur die Lausitzer Neiße und die Landesgrenze. Ein innovatives Projekt will Görlitz nun erfahrbar machen: Mehr Infos zum Projekt auf der offiziellen Website Bis zum Juni können Interessierte dort 4 Wochen auf Probe leben. Das Angebot lockt vor allem Kunstschaffende, die selbstständig arbeiten. Eine Wohnung und Kontakte zu anderen Kreativen der Region gibt es umsonst dazu.

Außerdem wird ihnen ein Arbeitsort zur Verfügung gestellt: Dabei haben sie die Auswahl zwischen Coworking-Space, Atelier und Werkstatt. 150 Menschen hatten sich im Jahr 2018 beworben, Lies mehr über das Projekt und seine Ziele (PDF) 54 von ihnen testen tatsächlich einen Monat lang, wie es ist, in Görlitz zu leben.

Diese Künstlerin ist überzeugt

Eine, die auf Probe in Görlitz gelebt hat, ist die 34-jährige Jessy James LaFleur. Ursprünglich kommt sie aus Ostbelgien, die vergangenen Jahre hat sie abwechselnd in Berlin und Leipzig gelebt. Sie ist Spoken-Word-Künstlerin, das heißt, sie trägt bei Auftritten selbst geschriebene Texte vor. So steht sie unter anderem auf Poetry-Slam-Bühnen, Ein Poetry Slam ist ein Wettbewerb, bei dem Dichter – die sogenannten Slammer – selbstverfasste Texte zum Besten geben. Stil und Inhalt der Gedichte variieren sehr stark: Von Anekdoten bis hin zu Gesellschaftskritik kann alles dabei sein. gibt aber auch Workshops und moderiert.

Jessy James LaFleur suchte für ihre Kunst nach mehr Freiraum; und hat ihn in Görlitz gefunden. – Quelle: Jessy James LaFleur copyright

Nachdem sie 2018 einen Workshop in Görlitz gab, wollte sie die Stadt näher kennenlernen. Von Ende Juni 2019 an blieb sie einen ganzen Monat, wollte die Chance haben, zu überlegen, ob sie in dieser Stadt auf Dauer leben könnte. Ein Problem dafür sieht sie vor allem in den weiten Wegen nach Görlitz und der schlechten Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb der Stadt.

Doch Görlitz birgt auch Vorteile: LaFleur fühlte sich zuletzt eingeengt von der Hektik einer Metropole. In der sächsischen Stadt findet sie im wahrsten Sinne des Wortes mehr Raum, um Ideen umzusetzen. Mehr Infos über die Kulturszene in Görlitz Außerdem ist die kulturelle Infrastruktur gut. Dazu gehört die Kleine Semperoper, wie das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau wegen seiner Ähnlichkeit zur Dresdner Semperoper genannt wird. Darin ist auch die Neue Lausitzer Philharmonie zu Hause, das einzige Orchester des Kulturraums.

Es Hier findest du den Auftritt von LaFleur beim BUND-Sommerabend 2019 brennt in diesem Land! Es brennt an allen Ecken, es brennt in allen Vorgärten, auf der eigenen Türschwelle, es brennt. Und wir wollen die Rauchzeichen nicht sehen, nicht lesen, stetig ignorieren, denn es ist natürlich so viel schöner sich am Lagerfeuer zu wärmen, in dem die Welt zugrunde geht, solange das eigene Haus nicht brennt! – Jessy James LaFleur, Performance beim BUND-Sommerabend 2019

Aber auch alternative Kunst hat ihren Platz in Görlitz, was LaFleur schätzt: »Ich fühle mich in Görlitz sehr willkommen mit dem, was ich mache.« Ihre Arbeit nimmt sie als wertvolle Ergänzung wahr und gründete zum Beispiel schon einen Poetry Slam in Bautzen, eine gute halbe Autostunde von Görlitz entfernt.

Görlitz ist für LaFleur eine Stadt der starken Kontraste: Bei der Oberbürgermeisterwahl im vergangenen Mai kam es zur Stichwahl zwischen AfD und CDU, die die Union nur knapp gewann. Die meisten Stimmen gingen bei den Landtagswahlen an die Rechtspopulisten. LaFleur hat aber auch die Menschen kennengelernt, denen die Medien nur wenig Interesse entgegenbringen: »Ich sehe hier vor allem Menschen, die sich das nicht gefallen lassen.«

Und man möge ihnen beistehen, diesen kleinen Engagierten, die in einem Funkenmeer von einer Feuerstelle zur nächsten hechten und einfach nicht aufgeben, obwohl sie längst, schon längst aufgeben möchten. Denn es ist schwer, nicht den Glauben zu verlieren in Zeiten wie diesen. Denn es brennt an allen Ecken. – Jessy James LaFleur, Performance beim BUND-Sommerabend 2019

Das Projekt Stadt auf Probe und Görlitz haben sie überzeugt. LaFleur hat eine Wohnung gekauft und ist Ende Dezember in die selbst ernannte Europastadt umgezogen. Die Künstlerin ist froh darüber, in Zukunft nicht mehr 40% ihres Einkommens für Miete ausgeben zu müssen. Das ist aber nicht der Hauptgrund für ihren Umzug: »Dahin zu ziehen ist meine Rebellion gegen die Großstadt«, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass engagierte Menschen gerade in Regionen wie der Lausitz viel bewegen und für einen positiven Wandel sorgen können. »Zurück bekommt man dafür die Möglichkeit, sich zu entfalten und mit tollen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen«, sagt sie.

Wer jetzt auch Lust auf Görlitz bekommen hat, kann sich leider nicht mehr zur »Stadt auf Probe« anmelden: Die Bewerbungsphase ist bereits abgelaufen und eine neue Projektphase noch nicht in Planung. Aber je mehr Menschen davon erfahren, desto wahrscheinlicher könnte eine Neuauflage des Programms sein.

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Titelbild: Perspective Daily - copyright

von Lisa Kuner 

Lisa Kuner studierte nachhaltige Entwicklung in Leipzig und arbeitet als freie Journalistin unter anderem für die F.A.Z.

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